Das häufig verwendete Logo von AnonymousSeit Anfang Dezember und besonders nach der Verhaftung von Wikileaks-Sprecher Julian Assange, der in diesem filmreifen Geschehen rund um seine Plattform wie der vermeintliche Cyberterrorist Morpheus wirkt, tritt eine neue eine Gruppierung verstärkt in den Vordergrund. Als nicht-autorisierter, digital-militarisierter Beschützer bezieht „Anonymous“ Position. Diese bezeichnen sich selbst in einer Presseaussendung als „Versammlung durchschnittlicher Internet BürgerInnen“ deren Motivation die gemeinsame Ernüchterung über die täglichen Ungerechtigkeiten ist und denen es um eine Veränderung des sozialen Systems geht.

Nun lief vergangene Woche mit „Operation: Payback“, ein digitaler Rachefeldzug der Anonymen auf Hochtouren. Dabei wurden mithilfe der „Low Orbit Ion Canon“ Hackangriffe auf Wikileaks-Gegner wie Paypal, Visa, Mastercard und Amazon ausgeführt. Doch während die beiden Zahlungsunternehmen teilweise zusammenbrachen und ihre Entscheidungen gegenüber Wikileaks rückgängig machten kam das Einkaufsparadies Amazon anscheinend nur zufällig durch einen Hardwarefehler zum Ausfall der in keinem Zusammenhang zu Anonymous stehen soll.

Doch wer steckt eigentlich hinter dieser Gruppierung und woher kommen sie?

Aus den Tiefen des Internets

Anonymous Protest (http://www.flickr.com/photos/anonymous9000/4280254856) Anonymous gibt sich in teilweise romantischer Form dem Rebellentum hin und drückt sich gerne schwer melodramatisch mit Zitaten wie He who sacrifices freedom for security deserves neither (Benjamin Franklin) aus. Besonders der Comic samt gleichnamiger Verfilmung „V for Vendetta“ hat es ihnen angetan.

Kaum eine Botschaft oder ein Protest kommt noch ohne die Maske des Protagonisten aus, die so die Gesichter der Sympathisanten anonymisiert.

Doch Abseits dieser anmutenden Darstellung kommt Anonymous aus den tiefsten Tiefen des Internets. Wer wie der Journalist Chris Landers Nachforschungen zur Entstehung der digital Maskierten anstellt, stößt dabei immer wieder auf das Onlineforum 4chan. Dort ist es ist zwar möglich Nicknames zu verwenden, der Großteil der User bleibt jedoch bei der Voreinstellung „Anonymous“ und wird damit zu einer Art kollektivem Bewusstsein, das mit scheinbar sich selbst diskutiert.

Was sich dort abspielt beschreibt beispielsweise Der Spiegel, der das Forum Anfang 2010 als „eine Mem-Schleuder, eine Brutstätte für ansteckende Ideen, aber auch ein abgründiger Ort, an dem Scheußlichkeiten, (…) weit jenseits der Grenzen des guten Geschmacks veröffentlicht werden“ beschreibt.  Mittlerweile ist das Internet durchzogen mit Fasern des Forums, so hatten die bekannten Memes Rickrolling, LolCats und noch mehr ihren Ursprung auf 4chan.

Scientology & Iran

Während Viele erst seit kurzem von der geheimnisvollen Vereinigung wissen, kämpft die scheinbar hierarchielos organisierte Truppe schon länger für Informationsfreiheit und hat bereits in den vergangenen Jahren für mediale Aufmerksamkeit gesorgt.

  • Das erste Mal 2008, als sich die Internetuser zum Ziel setzten die diskussionswürdigen Praktiken von Scientology  ans Tageslicht zu bringen.
  • Dann wieder 2009, mitten im Getümmel rund um die iranischen Präsidentschaftswahlen, wo sie die im Web protestierende iranische Bevölkerung auf digitalem Weg unterstützte.

Wird Anonymous konstruktiv?

Doch zurück zum heutigen Geschehen: Anonymous hat in der Causa Wikileaks nun einen scheinbaren Strategiewechsel vollzogen. Am 11. Dezember wurde „Operation: Leakspin“ per YouTube Videobotschaft angekündigt.

Dieser neue Plan sieht vor, dass Anonymous besonders durch Recherchieren der verschiedenen Wikileaks-Dokumente und deren Verbreitung einen – diesmal offensichtlich konstruktiven – Beitrag im immer wieder proklamierten „Cyberwar“ leistet. Damit reagiert Anonymous auch auf die zunehmende Distanzierung von Wikileaks zu den Attacken.

Wir mögen denken was wir wollen wenn Privatpersonen per Tastatur das (Internet-)Recht in die eigenen Hände nimmt. Doch mittlerweile ist diese Gruppe zu einer Macht im Internet geworden, mit der große Organisationen rechnen müssen, wenn sie gegen das oberste Ziel von Anonymous verstoßen: Knowledge is free.