Dass alle Aspekte unseres Lebens zunehmend digitaler werden, ist nichts Neues. Das gilt natürlich auch für Bücher. Kein Buchformat konnte je ein so hohes Wachstum vorweisen wie es für eBooks in den nächsten Jahren prognostiziert wird. Verlage begegnen dem digitalen Trend mit unterschiedlichen Strategien, von der Digitalisierung der Produkte bis hin zur Neuausrichtung der Geschäftsfelder. Vergleicht man jedoch deutsche Fachverlage mit US-amerikanischen, zeigt sich schnell eine beachtliche Differenz in der Adaption der digitalen Welt.

eBooks, Videos und Online-Trainings via Webinar sind in den Sortimenten US-amerikanischer Fachverlage bereits fest etabliert. Deutsche Verlage sind hingegen gerade erst dabei, ihre Produktpaletten um digitale Angebote zu erweitern. Allerdings wird es nicht mehr lange dauern bis auch in Deutschland digitale Produkte fester Bestandteil jedes Verlagsortiments sind.

Ein Service, der in Deutschland allerdings stark vernachlässigt wird, sind digitale Bibliotheken. Als digitale Bibliothek gilt ein Service, der Bücher in digitalen Formaten (eBooks, Hörbücher usw.) für den Endbenutzer zugänglich macht. Die Daten werden dabei üblicherweise nicht auf den Computer des Nutzers geladen, sondern sind via Internet abrufbar.

Die Vorteile eines solchen Dienstes liegen auf der Hand: Alle Bücher, die man braucht, jederzeit und überall zugänglich. Eine Suche, die auch die Inhalte der Bücher mit einschließt, erleichtert das Auffinden der passenden Werke und beschleunigt Recherche-Arbeiten erheblich. Zudem kann es nie passieren, dass ein Buch vergriffen ist. Studenten werden wissen, was ich meine, gerade an Universitätsbibliotheken sind Bücher oft auf Monate im Voraus reserviert.

Um das Ganze etwas anschaulicher darzustellen, soll hier die digital Library Safari als Exempel dienen.

Safari ging schon 2001 als Joint Venture von O’Reilly Media und Pearson Education an den Start. Heute partizipieren bereits weit über 100 Fachverlage an der Plattform. Dadurch entwickelte sich die digitale Bibliothek, die ursprünglich nur als Datenbank für Technologie Bücher gedacht war, zu einer interaktiven Plattform, die ein breites Themenspektrum abdeckt.

Safari ist ein perfektes Beispiel dafür, dass ein Wandel des Kundenverhaltens frühzeitig erkannt und durch eine passende Strategie zum Vorteil genutzt wurde. Fragt doch beispielsweise einfach mal einen Softwareentwickler, wann er sich das letzte Mal ein Buch über eine Programmiersprache gekauft hat.
“Wozu?” wird er antworten, “Ich finde doch alles, was ich brauche, viel schneller im Netz. Sei es Anleitungen, konkrete Hilfe oder ein erklärendes Video.”

Eine digitale Bibliothek wie Safari deckt genau diese Bedürfnisse ab und bietet aufgrund der hochwertigen Informationen aus Expertenhand auch einen echten Mehrwert gegenüber anderen Online-Quellen. Ein differenziertes Preismodell macht es außer für Einzelpersonen und Unternehmen auch für klassische Bibliotheken und Regierungsbehörden interessant. Safari ist ohne Zweifel ein Erfolg für die Verlage sowie eine sinnvoller Service für den Endverbraucher.

Ein deutschsprachiges Äquivalent zu Safari gibt es bisher jedoch nicht. Zwar gibt es einige digitale Bibliotheken, die Nischen bedienen, diese sind aber außerhalb ihres  Segments kaum bekannt und verfügen auch nicht über einen vergleichbaren Funktionsumfang. Auch wenn der deutsche Buchmarkt sich – unter anderem aufgrund der Buchpreisbindung – stark vom US-Amerikanische abhebt, geht dieses Geschäftsprinzip auch hierzulande auf. Zudem würde es dem vergleichsweise schleppend anlaufenden eBook Vertrieb in Deutschland einen deutlichen Schub verleihen. Umso verwunderlicher, dass bisher keine der großen Verlagshäuser eine vergleichbare Plattform auf die Beine gestellt hat.